Industrielehrpfad Hauptwil-Bischofszell Wasser - Textil - Siedlung - Papier

Einleitung

Klein aber fein!
Seit 1995 dokumentiert der Industrielehrpfad Hauptwil-Bischofszell anhand einschlägiger Informationstafeln sowie Faltprospekten diese rund 300 Jahre anhaltende Industrieaera der beiden Oberthurgauer Ortschaften. Industriesiedlungen und träumerische Bach- und Flusstäler versprechen Wander- und Velofreunden ein tolles Erlebnis. Für Wissbegierige empfehlen sich zudem spannende Gruppenführungen in Hauptwil und Bischofszell.

Grosse Vergangenheit
Wo einst die Maschinen surrten und ausgelegte Leinwandtücher die Wiesen erstrahlen liessen ist heute Ruhe eingekehrt. Hauptwil, ein in lieblicher Talmulde gelegenes Dörfchen, Bischofszell bekannt durch seine bezaubernde Altstadt - sie waren einst zu grösserem bestimmt. Zwei grosse Geschlechter in der Spanne zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert brachten die Hauptwiler Textilien zu Weltruhm. Die frühere Leinwandhochburg Bischofszell gab sich durch den industriellen Aufbruch im 19. und 20. Jahrhundert in der Papier- und Nahrungsmittelindustrie ein neues Image.

Zeugen alter Pracht
Was geblieben ist sind stumme Zeugen: ein Schloss, Herrschafts-, Bürger- und Arbeiterhäuser, unzählige Kanäle, Weiher, Maschinen und viele andere Kleinode, die den Besucher in eine andere Zeit versetzen. Aus neuerer Zeit beeindruckt insbesondere die riesige Bischofszeller Papiermaschine (PM1) von 1928 mit ihrem komplexen Transmissionssystem.

Energie aus Wasser
Hier kann jedermann nachempfinden, wie sorgfältig in frühindustrieller Zeit mit Energie in Form von Wasserkraft umgegangen wurde. Nur dank ausgeklügelten Wassernutzungssystemen aus Kanälen, Weihern und Bach entstand eine der ältesten ländlichen Manufakturen der Schweiz. Wasser blieb als mechanischer Energieträger, als Reinigungswasser und als Stromlieferant für die ganze Region bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts zentral.

Eine Region im industriellen Aufbruch

Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat sich Bischofszell zum wichtigsten Industriestandort der Region entwickelt. Die ältesten industriegeschichtlichen Anlagen finden sich jedoch in Hauptwil, wo im 17. Jahrhundert ein kleines, aber regulierbares Wasserangebot gemeinsam mit günstigen wirtschaftspolitischen Voraussetzungen ausreichten, um einen Manufakturort mit Schloss zu gründen.

Wasser bewegt die Industrie
In einer eiszeitlichen Schmelzwasserrinne östlich von Hauptwil boten bereits bestehende kleine Tümpel die natürliche Voraussetzung dafür, dass hier im Jahre 1430 das Bischofszeller St.Pelagistift fünf Fischweiher anlegen konnte. Das bescheidene Wasserangebot wurde damit regulierbar, was die Bedingungen für Wasserkraftanlagen verbesserte. So trieben Wasserräder seit dem 15. Jahrhundert im Sorntal und in Hauptwil Mühlen und eine Säge, die den Bauern der Umgebung dienten. Neben der Zunftfreiheit waren die günstigen Wasserverhältnisse der Hauptwiler Weihertreppe ausschlaggebend für die Standortwahl der Gebrüder Gonzenbach, die den Flecken im 17. Jahrhundert zum Handels- und Manufakturort machten. War man zunächst bei der Veredelung von Leinwand auf ausreichend Wasser sowohl für den Bleicheprozess als auch zum Antrieb der Walzen und Mangen angewiesen, so trat im 19. Jahrhundert die Rotfärberei an ihre Stelle. Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts wurde das Gewässersystem stetig ausgebaut. Auch im Zeitalter der Industrialisierung blieben Wasserräder bis gegen 1900 die einzigen Antriebmotoren. Erst seit auf der 1876 eröffneten Eisenbahnstrecke zwischen Sulgen und Gossau die erforderliche Steinkohle herbeigeschafft werden konnte, wurde der Einsatz von Dampfmaschinen möglich.

Mechanisierung und Industrialisierung
Als erste Branche wurde die Textilindustrie von der Maschine erobert. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts hatte die Verarbeitung von importierter Baumwolle immer mehr das Ostschweizer Leinengewerbe bedrängt. Zunächst wurde Baumwolle in Heimarbeit verwoben. Dann zwang billiges Maschinengarn aus England auch in der Schweiz zur Rationalisierung, und schon bald wurden die ersten mechanischen Spinnereien eingerichtet, wie 1823 im Sorntal.
Schweizer Färbereien und Zeugdruckereien bevorzugten das strapazierfähige Maschinentuch, das zu tiefen Preisen aus England eingeführt wurde. Als Reaktion darauf wurden seit der Mitte des 19. Jahrhunderts vermehrt mechanische Webereien gegründet.
1856 entschied sich der Hauptwiler Fabrikant J. J. Niederer, die bisherige Energiequelle zu verlassen, und machte sich mit einem Kanal das Wasser der Thur in Bischofszell zunutze. Die Fabrik mit 200 Webstühlen wurde nun nicht mehr von einem Wasserrad getrieben, sondern von einer Turbine, welche die Wasserkraft besser nutzte und eine höhere Leistung erzielte.

Textilindustrie verliert an Bedeutung
Vom Mittelalter bis ins 17. Jahrhundert war die Ostschweiz das einzige bedeutende schweizerische Textilexportgebiet. Hatte man im Leinengewerbe Rohstoff angebaut, verarbeitet und veredelt, so gewann im Baumwollgewerbe die Veredelung in der Rotfärberei, im Zeugdruck und in der Stickerei immer mehr an Bedeutung. Noch 1878 arbeiteten 80% der in der thurgauischen Industrie Beschäftigten in Spinnereien, Webereien und Veredelungsbetrieben. Krisen setzten der Textilindustrie zu, so dass beispielsweise die Jacquardweberei in Bischofszell 1911 stillgelegt wurde. An ihre Stelle trat die Papierfabrikation, die sich seit den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts zu einer Exportindustrie entwickelte. Bereits in den 30er Jahren waren anderen Industriesektoren - Metall-, Nahrungsmittel-, Chemie- und Bekleidungsindustrie - im Thurgau wichtiger geworden als die Textilindustrie, die 1988 nur noch 5 % der industriellen Arbeitsplätze bot.


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