Der reale Industrielehrpfad

 

Anreise & Führungen


Tafeltexte des Industrielehrpfades

Der Industrielehrpfad von Hauptwil nach Bischofszell Nord ist mit neun Tafeln zur Industriegeschichte der Region bestückt. Für laufmüde Industriefreaks bieten wir die Texte hier online an.

Verlauf des Lehrpfades:

Wegverlauf ILP

Übersicht:

  • Tafel 1: Die Manufaktursiedlung Hauptwil

  • Tafel 2: Brücke Sornbach beim Schwanenweg

  • Tafel 3: Beim Gemeindehaus

  • Tafel 4: Beim Hauptwiler Weiher

  • Tafel 5: Bei Rotfarb Brunnschweiler

  • Tafel 6: Bahnhof Bischofszell: Vom Handel und Gewerbe zur Industrie

  • Tafel 7: Papier, Papiermaschine und Buchdruck

  • Tafel 8: Gewerbliche und industrielle Wassernutzung in Bischofszell

  • Tafel 9: Bischofszell Nord

  • Legende zum Situationsplan Hauptwil


 


Tafel 1: Bahnhof Hauptwil

Hauptwil: Eine Manufaktursiedlung des 17. und 18. Jahrhunderts


Die zwischen 1664 und 1670 durch die Familie Gonzenbach mit ihrem Privatvermögen gegründete Manufaktursiedlung ist in der Ostschweizer Textilgeschichte einmalig. Die ursprünglichen Gebäulichkeiten, ergänzt durch die spätere Textildruckmanufaktur sowie die Fabrikanlagen und herrschaftlichen Wohnhäuser der Färbereiunternehmer Brunnschweiler, prägen das Ortsbild bis heute. Ein vergleichbares historisches Industrie-Ensemble aus so früher Zeit, von dem zudem eine bildliche Darstellung eines berühmten Kartografen aus dem Jahr 1670 existiert, gibt es in der Schweiz sonst nirgends mehr.

 

Die Pionierleistung der Kaufmannsfamilie Gonzenbach

Das in der Ostschweiz dominierende Leinengewerbe stand um die Mitte des 17. Jahrhunderts vor grossen Herausforderungen. Die beiden St.Galler Kaufleute und Brüder Hans Jacob (1611-1671) und Bartholome (1616-1693) Gonzenbach versuchten mit Neuerungsvorschlägen dem Gewerbe in ihrer Vaterstadt Aufschwung zu geben. Als sie auf Ablehnung stiessen, verzichteten sie auf das dortige Bürgerrecht und verlegten ihren Geschäfts- und Wohnsitz kurzerhand in den bis dahin unbedeutenden Weiler Hauptwil auf thurgauischem Boden, wo sie bereits das Gerichtsrecht und die Mehrzahl der Liegenschaften besassen.

Nach dem Erwerb des Marktrechts (1664) richteten sie bis 1671 schrittweise eine Leinwandmanufaktur mit rund vierzig Gewerbe- und Wohnbauten ein. Noch heute beeindrucken das frühbarocke Schloss, das Tortürmchen, der Gasthof Löwen, das Bleicher- und Wirtshaus zum Trauben und das für Gewerbe- und Wohnzwecke benutzte Kaufhaus. Zur Manufaktur gehörten auch zwei Mühlen und Walken, eine Mange (heute „Spittel“), eine Färberei, eine Sägerei, Handwerksbetriebe sowie Wohnhäuser für die in der Manufaktur beschäftigten Menschen. Der Langbau (1670/71) in Weihernähe gilt heute als ältestes Arbeiterwohnhaus seiner Art in der Schweiz. Alle diese Bauten im Dorf sind heute mit Informationstafeln versehen.

Die Hauptaktivität der Textilkaufleute Gonzenbach bestand im Handel mit Leinenstoff und in der Veredelung der Rohleinwand, und die wichtigsten Absatzmärkte waren in Frankreich und Italien. Bis 1700 galt das Unternehmen als eines der fünf führenden Häuser in der Eidgenossenschaft.

Mit der Einführung des Textildrucks um 1740 begann der Aufstieg eines anderen Zweigs der Familie. Unter Anton Gonzenbach (1748-1819) erlebte Hauptwil so eine zweite Blüte. Ein beredtes Zeugnis davon legt noch heute das schöne, spätbarocke Fabrikgebäude am Hölderlinweg ab. Erst die unruhige Zeit um die Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert setzte den Gonzenbach’schen Manufakturen ein Ende. Der Name des genannten Strässchens erinnert übrigens an den Dichter Friedrich Hölderlin, der 1801 im Hause Anton Gonzenbachs als Hauslehrer beschäftigt war.

 

Hauptwil wird eine Hochburg der Färbekunst

Nach einer Übergangszeit mit kleineren Färbereien (Dolder, Metzger, Brunschwiler) zu Beginn des 19. Jahrhunderts stand Hauptwil bis in die 1980er-Jahre unter den Färberei-Unternehmern Brunnschweiler wieder im Bann eines dominierenden Industriezweiges. Den Aufschwung dieser Firma verdankte man der Erzielung eines lange Zeit konkurrenzlosen Türkisch-Rot. Dank steten Anpassungen an die technischen Neuerungen nahm das Unternehmen während Jahrzehnten eine führende Stellung unteri den schweizerischen Färbereien ein. Erst der allgemeine Niedergang der Textilindustrie führte 1984 zur Einstellung des Betriebs.

 

Hauptwil: Ein Spiegelbild der Ostschweizer Industriegeschichte

In der Zeit der Gonzenbach’schen Manufakturen bis 1800 bildeten Gewerbe- und Wohnbauten eine völlige Einheit. Nahezu jedes Haus war mit dem Leinwandgewerbe verbunden. Zur Trennung von Fabrikareal und Dorf, wie es bei der Industrialisierung im 19. Jahrhundert üblich wurde, kam es in Hauptwil 1856 mit dem Bau der neuen Rotfarb. Viele der im 19. Jahrhundert erstellten Häuser wurden in der kostengünstigen Lehmbauweise erstellt. Noch heute ist Hauptwil das Dorf, das über die meisten solcher „Pisé-Bauten“ verfügt.

Die Maschinenweberei hielt mit Johann Jakob Niederer und dann der Seidenweberei Egli kurz nach 1850 Einzug ins Dorf, gefolgt 1905 von der Weberei Honegger an der Dorfstrasse. Auch aus der Epoche der Ostschweizer Stickereiindustrie gibt es noch Zeugnisse: Das repräsentative Fabrikgebäude mit Türmchen südöstlich des Bahnhofs an der Strasse gegen Waldkirch. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand eine ganze Reihe weiterer Stickmaschinen in Privathäusern.

 


Tafel 2: Brücke Sornbach beim Schwanenweg

Die Wasserkraft als Grundlage der frühen Industrialisierung


Ein wesentlicher Grund für die Standortwahl der Gonzenbach’schen Manufakturen des 17. und 18. Jahrhunderts war die ausreichende Versorgung mit Wasserkraft. Neben dem Dorfbach bestanden bereits seit dem späten Mittelalter mehrere Weiher an erhöhter Lage sowie ein Mühlekanal. Diese wurden für die Manufaktur zusätzlich mit einem ausgeklügelten Kanalsystem untereinander verbunden, sodass die Versorgung mit ausreichender Wasserkraft gewährleistet war.

 

Sornbach, Weiher und Kanäle als Energielieferanten

Ohne ausreichende Wasserkraft war eine Frühindustrialisierung nicht möglich. Da der Sorn- oder Dorfbach sowie die bis zu acht mittelalterlichen Fischteiche in der Umgebung keine genügende Garantie für ununterbrochene Wasserlieferung während Trockenzeiten boten, erweiterten die Textilunternehmer Gonzenbach das Wasserangebot durch ein ausgeklügeltes Kanal- und Wehrsystem. Zwei Kanäle bestanden bereits seit dem Weiherbau der 1430er-Jahre. Der eine, entlang der heutigen Dorfstrasse, führte das Wasser vom Hauptwiler Weiher zum Dorfplatz und danach unter der grossen Walke (später Seidenweberei und Konsum) hindurch bis zum Zusammenfluss mit dem Sornbach. Bemerkenswert ist, dass in Gonzenbach’scher Zeit das Kanalwasser beim Dorfplatz in einer Art Aquaedukt über den Sornbach hinweg geleitet wurde, dass sich also die beiden Gewässer kreuzten. Der zweite, kurze Kanal, ebenfalls ein Ausfluss aus dem Hauptwiler Weiher, lag etwas südlicher und versorgte damit die alte Mühle an der heutigen Dorfstrasse mit Energie; danach vereinigte er sich wieder mit dem anderen Dorfkanal.

Zur Sicherstellung eines ausreichenden Wasservorrats wurden sogar die Weiher untereinander verbunden: Zum einen die beiden Weiher oberhalb des Bahnhofs, aus denen ein Kanal quer durch die Bleichewiesen über den Sornbach bis zum Hauptwiler Weiher führte. Zum andern liess sich durch ein Wehr im Sornbach Wasser zur oberhalb des Dorfes gelegenen Sägerei leiten. Ein Wassersammler bildete dabei das Reservoir für regelmässigen Zufluss. Es leistete seinen Dienst bis zur Elektrifizierung der Sägerei im Jahre 1933. Von der Sägerei aus führte ein Kanal direkt in den Hauptwiler Weiher, ab 1852 dank eines Wehrs im Sornbach sogar in den zweituntersten Weiher, den Gwandweiher.

Als Reservoir für die Grosse Walke, später Seidenweberei Egli an der Hauptstrasse, diente auch der Zierweiher im Kaufhausgarten. Eine Leitung aus ausgehöhlten Baumstämme n (Teuchel) führte das Wasser zum Fabrikgebäude.

 

Streit um Wasserrechte

Nachdem sich 1693 die beiden Gonzenbach-Familien getrennt hatten und geschäftlich eigene Wege gingen, trat inbezug auf die Wassernutzung eine schwierige Situation ein. Da nahezu alle wichtigen Gewerbe und die Leinwandmanufaktur von den gleichen Wasserläufen abhängig waren, kam es zu teils heftigem Streit über die Menge des bezogenen Wassers und allfällige Beschmutzung durch die im Oberlauf gelegenen Gewerbe. Um 1735 artete eine Auseinandersetzung am Wasserschieber, der von der einen Partei widerrechtlich durch ein Schloss gesichert und für die anderen unzugänglich gemacht wurde, beinahe in der Ermordung des einen Gonzenbach’schen Unternehmers aus.

 

Vom Wasserrad zum Generator

Der Ausflusskanal aus dem Hauptwiler Weiher sowie der Sornbach waren auch die Lebensader der Rotfärberei Brunnschweiler, die 1856 vom ursprünglichen Standort in Weihernähe in den westlichen, unteren Dorfteil in eine neu erstellte Fabrikanlage umzog und dort bis zur Schliessung von 1984 beheimatet war. Den gleichen Kanal nutzte auch die 1905 erstellte Seidenweberei Honegger, welche dort als erstes Unternehmen eine Turbine mit Generator einbaute und elektrischen Strom an die Gemeinde abgab. So sorgten also die guten Wasserverhältnisse in Hauptwil für einen nahezu reibungslosen Übergang zur Nutzung der Wasserkraft für den elektrischen Antrieb.

 

Der Sornbach: industrielle Lebensader, aber auch Abwasserbach

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts bestand weder eine regelmässige Kehrichtabfuhr noch eine Kläranlage für das Abwasser. Zwar war früher die Abfallmenge noch viel geringer als heute, aber dennoch bedeutete die Ablagerung des Unrats und die Abwässer der Industrie eine grosse Belastung für das Wasser. Die Chemikalien der Färberei waren teils hoch giftig und verfärbten das Wasser immer wieder. Erst in den 1970er Jahren wurde in der Färberei eine erste Kläranlage eingerichtet.



Tafel 3: Beim Gemeindehaus

Die ältesten Wohn- und Arbeiterhäuser


Die Häusergruppe Langbau, Kurzbau und Gelbbau ist in seiner Art das älteste noch vorhandene Ensemble von Wohn- und Arbeitshäusern im Dienste des Textilgewerbes in der Schweiz. Während andernorts die sogenannten Kosthäuser aus dem 19. Jahrhundert stammen, entstand hier der Eng verbunden mit der zweiten Manufaktur, jener für Textildruck, standen der Kurzbau mit den Waschhäuschen sowie der Gelbbau am Hölderlinweg.

 

Der Langbau von 1670 ist ein Industriedenkmal ersten Ranges. Er besteht aus fünf gleichen Wohneinheiten, in denen Familien, Kleinhandwerksbetriebe sowie mehreren Webstühlen untergebracht waren. Im Parterre und im ersten Stock befand sich je eine Wohnung von etwa 40 Quadratmetern Wohnfläche. Im Dachstock fanden wohl einige ledige Arbeitskräfte Unterschlupf. Den Charakter eines nahezu ausschliesslichen Arbeiterwohnhauses im Sinne des späteren Fabrikzeitalters erhielt das Gebäude nach dem Erwerb durch die Rotfärberei Brunnschweiler im 19. Jahrhundert.

Der Kurzbau und der sogenannte Gelbbau entstanden um 1780, beide im Zusammenhang mit der Indienne-Textildruckerei von Anton Gonzenbach. Während der Kurzbau wohl von Anfang an der Unterbringung von Arbeiterfamilien diente, war der Gelbbau ursprünglich ein Fabrikgebäude. Im Mittelteil standen die Drucktische, in den beiden Aussenteilen waren die Büroräumlichkeiten. Nachdem dem Ende des Textildrucks waren dort andere Textilunternehmen untergebracht. Auch dieses Gebäude wurde erst gegen 1900 in Wohnraum für Arbeiterfamilien der Firma Brunnschweiler umgewandelt. Heute ist es wohl eine der schönsten spätbarocken Industriebauten der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Dier im Volksmund übliche Bezeichnung „Gelbbau“ für dieses ehemalige Fabrikgebäude dürfte auf einen vorübergehend gelben Aussenanstrich zurückgehen.

Auffallend ist die Regelmässigkeit und die Ausmasse dieser drei Bauten, in denen noch viel ursprüngliche Bausubstanz vorhanden ist. Sie umfassen je acht bis zehn Wohnungen mit vier Räumen und zusätzlich nutzbaren Kellern und Dachgeschossen.

Die fünf Waschhäuser, die man auf Anhieb den Arbeiterhäusern zuordnen möchte, dienten ursprünglich dem mehretappigen Auswaschen der Stoffe während des Färbeprozesses.

 

Ein verstecktes Fabrikensemble an der Oberdorfstrasse

Was heute ganz verschiedenen Zwecken dient (Wohnvilla am Weiher, Gemeindehaus, Versammlungsort der Freien Evangelischen Gemeinde, Wohnhaus „zur Linde“) und kaum mehr die einstige Bestimmung erahnen lässt, war Teil neuerer Industrie-Ensembles. Das Weiherhaus war einst eine Textilwalke, dann Bürogebäude der Rotfarb Brunnschweiler. Das in Lehmbauweise erstellte Haus Oberdorfstrasse 3 war ebenfalls Teil der Rotfarb und enthielt das sogenannte Garnzimmer; später beherbergte es den Kindergarten und heute die Gemeindeverwaltung. Das Haus Nummer 7 gehörte ebenfalls zur Färberei Brunnschweiler und wurde erst später zum Wohnhaus umgebaut. Das Haus Nummer 4 liess Johann Jacob Niederer als Jacquardweberei Niederer erstellen; später diente es als Treffpunkt der Hauptwiler separatistischen Glaubensbewegung und ist heute im Besitz der FEG.



Tafel 4: Beim Hauptwiler Weiher

Der kurz nach 1430 erstellte Hauptwiler Weiher mit aufgeschüttetem Damm ist der unterste einer längeren Weiherkette und bildet ein wichtiges Wasserreservoir für das Gewerbe und die Industrie. Ursprünglich diente er jedoch vorwiegend der Fischzucht und der Speisung des Mühlekanals. Heute ist er Bestandteil eines Naturschutzgebietes mit seltener Fauna und Flora.

 

Die spätmittelalterlichen Fischteiche

In den Jahren 1430 bis 1433 liess das Chorherrenstift St.Pelagius in Bischofszell in die von Gletschern geformte Gelände-Rinne eine Reihe von Fischteichen anlegen. Das Stift folgte damit einem aufkommenden Trend, denn damals erschlossen sich viele Adelige, Städte und Klöstern mit der Karpfenzucht eine neue Nahrungsmittel- und Einnahmequelle.

Der Hauptwiler Weiher als unterstes Glied der Teichkette entstand im gleichen Zeitraum, wurde aber nicht durch das Stift, sondern durch die damaligen Gerichtsherren und Ritter Riff zu Blidegg angelegt. Dies gilt auch für den Niederwiler Weiher, der oberhalb von Hauptwil an der Strasse nach Gossau liegt. Da das ausfliessende Wasser des Hauptwiler Weihers die Mühle antrieb, war er eigentlicher Ausgangspunkt für die nach 1665 einsetzende Frühindustrialisierung des Ortes. Zur Sicherung der Wasserreserven liess die Familie Gonzenbach einen Zuleitungskanal vom Niederwiler Weiher in den Hauptwiler Weiher anlegen. In grossen Trockenperioden erlaubte das Stift manchmal auch den beschränkten Wasserbezug aus den oberen Weihern, damit die Gewerbe in Hauptwil nicht still standen. Dabei war allerdings Rücksicht auf die Fischbestände zu nehmen.

 

Die Karpfenzucht

Als Zuchtfisch kam nur der Karpfen infrage, da er stehende Gewässer bevorzugt und sich auch in Gefangenschaft vermehrt. Bei dem mehrstufigen Zuchtsystem blieben die jungen, von auswärts zugekauften Karpfen rund ein Jahr in einem oberen Weiher, wurden danach in einen unteren Weiher abgelassen. Somit hatten alle Karpfen in einem Weiher das gleiche Alter und auch etwa die gleiche Grösse. Als eine die Zucht unterstützende Massnahme wurden zusätzlich „Speiss“, d.h. Beifische wie Hecht oder Barben, eingesetzt. Der Hecht sorgte dafür, dass keine unerwünschte Überzucht eintrat.

Für viele Menschen konnte der Konsum von Fischen eine Nahrungslücke schliessen, da Fleisch eher selten zur Verfügung stand und während der Fastenzeit ganz verboten war. Im Vergleich zu Fleisch liess sich Fisch damals auch leichter konservieren. Ein gewisses Quantum des Fangs ging an den Schutzherrn des Stiftes, den bischöflichen Obervogt im Schloss Bischofszell. Der Rest stand den Chorherren zu, welche sie teils selber konsumierten, teils auf den Markt brachten.

 

Das jährliche Abfischen

Das Abfischen des Weihers mit den ausgewachsenen Karpfen geschah jeweils im Herbst durch weitgehendes Ablassen des Wassers. Einige Männer („Water“) mit tragbaren Lattengestellen („Scheyen“) trieben die Fische zum Abfluss, wo sie entweder direkt mit besonderen Schöpfkellen („Beren“) herausgezogen oder in tiefer gelegenen Fischgruben zwischengelagert wurden. Von Zeit zu Zeit liess man danach einen Weiher für einige Jahre trocken, um mit einer Getreideanpflanzung dem zukünftigen Fischteich wieder ausreichend neuen Nährstoff zuzuführen.

 

Die Rettung des Hauptwiler Weihers

Um 1845 ging der Hauptwiler Weiher in den Besitz der Färbereiunternehmer Brunnschweiler über. Sie liessen später ein Bootshaus und eine Badehütte erstellen. Doch die ständig drohende Verschlammung machte den Weiher nur zeitweise geeignet für Freizeitvergnügen. Aus gleichem Grund scheiterte 1942 auch ein Projekt zur Gewinnung elektrischer Energie mithilfe des Abflusswassers. Erst eine grundlegende Säuberung des Weihers in den Jahren 1975 bis 1977 sorgte nachhaltig für die Verbesserung der prekären Wasserverhältnisse. Damit wurde auch das Baden in den Sommermonaten wieder möglich.

Seit 1967 ist die ganze Weiher- und Moorlandschaft Naturschutzgebiet mit einer reichen Vielfalt an seltenen Tier- und Pflanzenarten.



Tafel 5: Bei Rotfarb Brunnschweiler

Textilfärberei – die zweite industrielle Blüte Hauptwils

Am Ende des 18. Jahrhunderts erlebte Hauptwil einen weiteren industriellen Innovationsschub. Während die beiden Gonzenbach’schen Manufakturen ihrem Ende zugingen, entstanden mehrere Textilfärbereien, welche Hauptwil zu einem Zentrum der Färbekunst machten. Am berühmtesten wurde die „Rotfarb“ der Familie Brunnschweiler, welche bis 1984 in Betrieb war.


Schon seit den 1660er Jahren wurden in Hauptwil in zwei Färbereien der Gonzenbach’schen Manufakturen Textilien gefärbt. Zuerst war es Leinwand, dann von etwa 1720 an Baumwolle, welche nach indischer Façon farbig gedruckt wurde. Mit dem Einzug der aus Erlen stammenden Brüder Johann Joachim (1759-1830) und Enoch Brunnschweiler (1760–1834) im Jahre 1786 begann dann eine neue Epoche. Die Beiden nahmen die „Untere Farb“ (heute Haus „Spittel“) am Sornbach von Hans Jacob Gonzenbach in Pacht und schufen sich mit ihrer Färbekunst schnell einen Namen. Als nach 1810 die Gebäulichkeiten der Familie Gonzenbach zum Kauf standen, erwarben sie Liegenschaften im oberen Dorfteil in Weihernähe und errichteten dort bald weitere Gewerbe- und Wohnbauten, die sie für die stets wachsende Färberei und die Belegschaft benötigten. Zu diesen gehörten das Weiherhaus, das heutige Gemeindehaus, das Haus „Linde“ sowie das jetzt von der Freien Evangelischen Gemeinde genutzte einstige Fabrikgebäude. Sie alle sind in der für Hauptwil damals typischen Lehmbauweise („Pisé“) erstellt worden. Wichtig für das Unternehmen war, dass es schon früh ein Färbeverfahren entwickelte, das ein bisher nicht erreichtes“Türkisch-Rot“ ermöglichte und den ausgezeichneten Ruf der Firma begründete.

In einem grossen Schritt nach vorne liess die Firma unter dem Namen „Witwe Brunnschweiler & Cie“ 1856 im unteren Dorfteil eine völlig neue und weitläufige Färbereianlage (Rotfarb) errichten. Auch diesmal wurde die preisgünstige und inzwischen bewährte Lehmbauweise gewählt. Zum neuen Ensemble gehörte auch das aus den späten 1660er.Jahren stammende Fachwerkhaus „Spittel“, das einst Mange, dann Färberei und schliesslich Wohnhaus war. In den 1870er-Jahren gelang die Umstellung auf den synthetisch hergestellten Farbstoff Alizarin, und in der Folge vermochte sich die Hauptwiler Rotfarb als einzige im Thurgau den stets wechselnden Bedingungen des Weltmarktes erfolgreich anzupassen.

Über die Jahrzehnte dominierte die Färberei Brunnschweiler das Dorf, beinahe wie es einst zu den Gonzenbach’schen Zeiten gewesen war. In immer mehr Häusern des Dorfes wurde die Belegschaft untergebracht, so dass schliesslich ein Grossteil der Ortschaft in Brunnschweiler’schen Händen war. Zur „Beherrschung des Dorfes“ trug auch bei, dass ein Grossteil der Familie einer pietistischen Glaubensgruppe angehörte und Hauptwil zu einem überregionalen Zentrum dieser im Gegensatz zur reformierten Landeskirche stehenden Bewegung machte.

Im 20. Jahrhundert bewohnten drei Brüder Brunnschweiler mit ihren Familien drei verschiedene herrschaftliche Häuser: im Haus „Rose“ und gegenüber im Kaufhaus an der Hauptstrasse sowie im umgebauten Weiherhaus am Rand des Hauptwiler Weihers.

Die Firma, die beim Färben von Garn und Tuch auf die verschiedensten Kundenwünsche eingehen konnte, genoss grosses Ansehen. Mit dem Niedergang der schweizerischen Textilindustrie gegen Ende des 20. Jahrhunderts kam 1984 auch das Ende dieser Färberei. Auf dem ehemaligen Fabrikareal finden sich heute sowohl historische Gewerbebauten als auch ein moderner Gewerbepark und gegen Westen hin eine Reihe neu erstellter Wohnbauten.

Etwas zwei Kilometer in westlicher Richtung, aber nicht mehr auf thurgauischem Boden, befindet sich die Siedlung Sorntal, die bis vor wenigen Jahren ein regionales Zentrum der Textilindustrie darstellte. Die Anfänge im frühen 19. Jahrhundert gehen ebenfalls auf die Familie Brunnschweiler zurück, welche die Niedermühle mit ihren Wasserrechten erwarb und dort eine erste Fabrik samt Antriebskanal zur Baumwollverarbeitung errichtete. Über mehrere Produktions- und Besitzerwechsel kam die ganze Anlage schliesslich an die Firma ZETAG, welche den Standort bis zum Jahr 2005 betrieb. Heute kann dort noch das interessante Textilmuseum besucht werden, das einen guten Einblick in die Arbeitsweise v.a. des 19. Jahrhunderts vermittelt.



Tafel 6: Bahnhof Bischofszell Stadt

Vom Handel und Gewerbe zur Industrie


Bis ins frühe 19. Jahrhundert sorgten international tätige Textilkaufleute dafür, dass Bischofszell als Handels- und Produktionsort weitum bekannt war. Dazu kamen der Wochenmarkt, das lokale Handwerk und Gewerbe, welche auf das Umland eine grosse Anziehungskraft ausübten. Die eigentliche Industrialisierung begann um 1865 im Bereich der Thurebene mit dem Grossbetrieb der Weberei Niederer. Dieser folgte später am gleichen Kanal eine bedeutende Papierfabrik. Nach 1900 entstand an der Nordgrenze der Gemeinde beim Bahnhof Bischofszell Nord ein neues Gewerbegelände mit dem Schwerpunkt Nahrungsmittelindustrie und verwandter Produktionszweige.

 

Schon im späten Mittelalter entwickelte sich das Städtchen zu einem Zentrum der regionalen Leinenindustrie. Wie andere ostschweizerische Kleinstädte litt dann auch Bischofszell unter der zunehmenden Monopolstellung der Stadt St.Gallen. Erst im Laufe des späteren 17. Jahrhundert erlebte der Tuchhandel in Bischofszell unter der Führung der einst konstanzischen Familie Rietmann einen neuen Aufschwung. Dem Vorbild der Pioniere Gonzenbach in Hauptwil folgend kaufte 1667 ein Familienmitglied die Bischofszeller Bleiche auf und dank dieser Privatisierung eröffneten sich ihnen neue Entfaltungsmöglichkeiten. Viele Heimarbeiter in der weiteren Umgebung fanden hier nun eine recht sichere Einkommensbasis. Bald galt die Bischofszeller Ware als besonders schön und international begehrt. Die neue Blüte wurde von Unternehmern wie Speiser, Zwinger oder Daller getragen. Sie waren auch im Import von Eisen tätig und unterhielten eigene Niederlassungen in Lyon. Sie trugen massgeblich zum wachsenden Wohlstand im Städtchen bei, von dem noch heute viele der nach dem Brand von 1743 erstellten schönen Barock- und Rokokobauten Zeugnis ablegen. Als Baumeister trat vor allem Grubenmann in Erscheinung.

 

Der Bahnbau von 1876 und die neue industrielle Vielfalt

Nachdem die beiden Bahnlinien Zürich-St.Gallen und vor allem Zürich-Romanshorn dem Städtchen keinen Bahnanschluss an diese Hauptachsen gebracht hatten, machte sich in Bischofszell eine Krisenstimmung aus. Im Städtchen kämpfte man daher vehement und mit grossen finanziellen Opfern für den Bau einer Querspange von Sulgen nach Gossau. Nach vielen Widerwärtigkeiten konnte die Linie schliesslich 1876 ihren Betrieb aufnehmen. 1885 erfolgte der Verkauf an die Nordostbahn, welche 1902 verstaatlicht wurde.

Von den an der Linie gelegenen Orten war es das Städtchen Bischofszell, das längerfristig am meisten vom Anschluss an das Schienennetz profitierte und als Industriestandort an Attraktivität entscheidend gewann. So entstand eine ausgewogene Mischung von Betrieben der Papier- und Textilindustrie, der Elektrotechnik, der Metall- und Holzverarbeitung. Besonderes Gewicht hat heute die Nahrungsmittelindustrie im Norden der Gemeinde. Ein Beispiel dafür ist aber auch die beim Bahnhof gelegene Molkerei Biedermann, die einst mit einem kleinen Laden im Städtchen ihren bescheidenen Anfang nahm und nun ein rasch wachsendes Unternehmen geworden ist.



Tafel 7: PM1

Papier, Papiermaschine und Buchdruck


Als Heimat vieler gelehrter Menschen hat in Bischofszell das geschriebene und gedruckte Wort sowie der Herstellung von Papier stets eine bedeutende Rolle gespielt. Mit der sogenannten PM1 findet sich hier noch heute die grösste und älteste Papiermaschine der Schweiz. Auch wenn sie nicht mehr für die Produktion gebraucht wird, so lassen sich an ihr doch in seltener Übersichtlichkeit die Verfahrensschritte der Papierherstellung verfolgen.


In Bischofszell mit seiner berühmten Stiftsschule lebten und wirkten immer wieder herausragende Gelehrte wie Theodor Buchmann (genannt Bibliander und Nachfolger Zwinglis als Professor für alttestamentliche Theologie in Zürich), der Komponist Fridolin Sicher, die Reformatoren Fritz Jacob von Anwil und Pelagius Amstein oder die Ärzte- und Apothekerdynastie Scherb. Zu diesem bücherfreundlichen Mileiu passt, dass östlich von Bischofszell in Blidegg an der Sitter während Jahrhunderten in einer Mühle Papier geschöpft wurde. 1792 entstand zudem in Bischofszell die erste thurgauische Druckerei. Es war die bis 1800 von Hans Georg Wehrli und Leonhard Dieth betriebene Offizin. Sie stellte vom volkstümlichen Kalender über den Druck einer ersten Zeitung bis hin zum brisanten Druck des Entwurfs einer einer helvetischen Verfassungs („Ochsenbüchlein“ des franzosenfreundlichen Basler Staatsschreibers Peter Ochs) fast alles her.

Es war gewissermassen die Fortführung einer alten Tradition, als 1886 die Aktionäre der Jacquardweberei Niederer den Bau einer Kartonfabrik und einer Holzschleiferei zur Gewinnung des Rohstoffs für die Papierherstellung beschlossen. Unter dem Namen „Carton- und Papierfabrik Laager“ begann die eigentliche Blütezeit des neuen Unternehmens, das vor allem die Stickereiindustrie mit Wickelkartons belieferte, aber auch Täfelkartons, Biertellerpappen und Tortenteller herstellte. Die gute Konjunktur nach Ende des Ersten Weltkriegs gab Anlass zu neuen Investitionen, um den Betrieb auf den neuesten technischen Stand zu bringen.

 

Die Papiermaschine PM1

Aufgrund der guten Auftragslage und der altersbedingten Anfälligkeit der alten Papiermaschine entschied das Unternehmen 1927, eine Langsiebpapiermaschine des Firma J.M.Voith in Heidenheim anzuschaffen. Zur Unterbringung errichtete 1928 die Firma A. Jsler aus Sulgen die stützenfreie Maschinenhalle mit dem angrenzenden Flachdachanbau als Rollenlager. 420 Eisenbahnwaggons brachten das Baumaterial und die zerlegte Papiermaschine nach Bischofszell. Grosses Aufsehen erregte dabei der Transport des 18 Tonnen schweren Glättzylinders vom Bahnhof durch das Städtchen. Am 11. Februar 1929 nahm die Papiermaschine PM1 ihren Betrieb auf. Sie war bei einer Arbeitsbreite von 2200 mm für eine Leistung von 10‘000 kg/24 Stunden ausgelegt. Die 223 Tonnen schwere und 37 Meter lange Maschine produzierte bis 1991. Zur Demonstration kann sie auch heute noch in Betrieb gesetzt werden, doch verzichtet man auf die Papierherstellung, da das Reinigen der Walzen danach viel zu aufwendig wäre.

Als wichtiger Arbeitgeber beschäftigte das Unternehmen beispielsweise 1938 über 200 Arbeitskräfte. Vielen sind beispielsweise die Futtersäcke für die Firma Lonza, Zementsäcke oder die rosafarbenen Papiertüten für Magenbrot in Erinnerung. Ab 1982 produzierte die „Papieri“ als eine von zwei Firmen in der Schweiz Umweltschutzpapier aus 100 % Altpapier mit sehr geringem Wasserverbrauch. Die Stadt rettete die Fabrik 1984 vor dem Konkurs und führte sie einer neuen Aktiengesellschaft zu, um die für Bischofszell wichtigen Arbeitsplätze zu erhalten. Der Betrieb wurde 1994 eingestellt. Die PM1 ist heute die älteste in ihrer ursprünglichen Form erhaltene Papiermaschine im mitteleuropäischen Raum und somit ein Industriedenkmal ersten Ranges.

 

Das Typorama

Seit einigen Jahren gibt es mit dem Typorama an der Fabrikstrasse ein weiteres Juwel aus der Druckbranche. Es ist sowohl Museum als auch Produktionsbetrieb. Mit Handsetzerei, Setz- und Druckmaschinen aus dem 19. und 20. Jahrhundert wird hier das althergebrachte Fachwissen mit Bleisatz und Buchdruck bewahrt. Dank der 2006 angeschafften Fadenheftmaschine mit Jahrgang 1940 ist es möglich, ein Buch in traditioneller Buchmacherkunst von A bis Z herzustellen. Mit seiner umfangreichen Maschinensammlung zählt das Typorama zu den grössten Druckmuseen in Europa.



Tafel 8: PM1

Gewerbliche und industrielle Wassernutzung in Bischofszell


Bischofszell liegt in unmittelbarer Nähe des Zusammenflusses der zwei bedeutenden Ostschweizer Flüsse Thur und Sitter. Trotz der manchmal unberechenbaren Wasserläufe wird diese bevorzugte Lage schon seit dem Mittelalter genutzt, anfänglich durch das Gewerbe und die Leinwandeinrichtungen, seit dem Kanalbau in den 1860er-Jahren auch industriell.

 

Schon im Mittelalter entstand dem Flussufer entlang mit Sägereien und Mühlen eine Reihe gewerblicher Einrichtungen. Dazu kam vor allem im 17. Jahrhundert der Ausbau der Anlagen zur Veredelung der in der Region hergestellten Leinenstoffe, welche einen grossen Bedarf an Wasser hatten. Im Bauchhaus wurden die Stoffe in Pottasche gesotten, in der Walche mit Holzhämmern von Unreinheiten befreit und in der Mange geglättet. Für die Bleiche, auf der die Leinwandbahnen während Wochen den Sonnenstrahlen ausgesetzt wurden, war ein ganzes System von kleinen Wasserkanälen nötig. Die Tücher mussten daraus mit Schöpfkellen regelmässig benetzt werden. Aufs engste mit dem Leinwandgewerbe verbunden waren zwei Färbereien, nämlich die Obere und die Untere Farb. Während Jahrhunderten stand also die Wassernutzung für das lokale Gewerbe und die Textilmanufaktur im Vordergrund. Eine neue Ära begann danach mit der Nutzbarmachung der Wasserkraft für einen ersten grossen Industriebetrieb in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

 

Jacquardweberei und Papierherstellung

Der Schritt des Städtchens ins moderne Maschinen- und Fabrikzeitalter begann mit der Anlegung eines Fabrikkanals in den Jahren 1861-1863. Initiant und Bauherr war Johann Jakob Niederer, der zuvor in Hauptwil eine Weberei aufgebaut hatte und nun seine grossen Ausbaupläne in Bischofszell verwirklichte.

1856 verpflichtete sich Niederer, eine wassergetriebene Fabrik mit 100 Arbeitsplätzen zu schaffen. Als Gegenleistung erhielt er das Wasserrecht an der Thur sowie Bauholz und Boden zur Erstellung eines Kanals. Ein 100 Meter breites Überfallwehr in der Thur im westlich von Bischofszell gelegenen Ghögg speist seitdem den knapp 2 km langen Oberwasserkanal. Seine Energie treibt heute allerdings nicht mehr ein Wasserrad, sondern eine Turbine, welche die Wasserkraft weit besser ausnützt.

1865 war Niederers imposantes Webereigebäude am Kanal fertiggestellt. Es war ein langgestrecktes, zweistöckiges Fabrikgebäude aus Nagelfluhsteinen mit Gaupendach. 60 Arbeiterinnen und Arbeiter erzeugten hier auf 200 Lochkarten-Webstühlen nach dem Patent von Joseph-Marie Jacquard Stoffe mit eingewobenen Mustern. Diese Weberei war nicht nur für Bischofszell mit seinen gut 1000 Einwohnern, sondern auch gesamtschweizerisch ein bedeutendes Unternehmen. Nach mehreren Krisen in der Textilindustrie erfolgte jedoch 1911 die Stilllegung.

Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts investierte das Unternehmen aber anderweitig in die Zukunft, denn am Fabrikkanal bestand genügend Kapazität für weitere Nutzungen. Im Sinne einer Diversifizierung erstellten die Unternehmer die „Carton- und Papierfabrik Laager“, welche es bald auf eine beachtliche Bedeutung brachte. 1928 wurde die mächtige Papiermaschine PM1 der Firma Voith (Heidenheim) angeschafft. Sie kann nach einer Rettungsaktion noch heute besichtigt werden.

Seit etlichen Jahren liegen Pläne für ein neues Kleinkraftwerk an der Thur vor. Die Firma Koch beabsichtigt dabei, durch einen Kanalbau einen Teil des Thurwassers in nördlicher Richtung abzuleiten und nach der grossen Fluss-Schlaufe wieder dem Flussbett zuzuführen. In das Projekt ist ein grosses Gebiet der Fluss-Auen der Thur nordwestlich von Bischofzell einbezogen. Der bisherige Kanal würde seine ursprüngliche Bedeutung verlieren, bliebe jedoch als wichtiger Zeuge der Industrialisierung erhalten.

Im Zusammenhang mit der Flusslandschaft sei auch auf die nahe gelegene und 116m lange Steinbrücke über die Thur hingewiesen. Sie stammt aus dem späten Mittelalter und steht auf acht Jochen auf Felsboden im Fluss. Während Jahrhunderten hatte sie eine grosse Bedeutung für die vielen Marktfahrer und ist heute die älteste noch erhaltene Brücke im Thurgau. Sie besticht noch immer durch ihre schlichte Eleganz.



Tafel 9: Bahnhof Bischofszell Nord

Nördlich des Städtchens Bischofszell hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts in enger Beziehung zur vorherrschenden Landwirtschaft ein Zentrum der Nahrungsmittelindustrie samt zugehöriger Wohnsiedlung entwickelt. Für die Bauernschaft der weiteren Umgebung ist die Annahmestelle für Obst und Gemüse bis heute von grosser Bedeutung geblieben. Für die gute Entwicklung war nicht zuletzt die Anbindung an den öffentlichen Verkehr ausschlaggebend. Im Laufe der Jahre wechselte zwar die Produktepalette, doch die Obstverwertung im baumreichen Oberthurgau blieb von erstrangiger Bedeutung.


Bischofszell nahm bei der Industrialisierung im 19. und frühen 20. Jahrhundert einen ganz eigenen Weg. Während die Metall- und Maschinenindustrie, und nach kurzem Aufblühen auch die Textilindustrie, eine eher nebensächliche Rolle spielten, wurde neben der Papierherstellung die Nahrungsmittelindustrie zu einem eigentlichen Markenzeichen Bischofszell. Den Anfang machten eine Brauerei im Schloss und der Betrieb von „Fideli-Etter“, der zwischen 1842 und 1908 im mittleren der Daller-Häuser an der Kirchgasse zuerst mit einer Handmaschine, dann mit Hilfe einer Dampfpresse Teigwaren herstellte. Zusammen mit den „Ernst-Teigwaren“ im benachbarten Kradolf deckten diese beiden Firmen einen ansehnlichen Teil der regionalen Produktion ab. In den letzten Jahrzehnten hat sich zudem aus einer Molkerei im Städtchen das grosse Milchverarbeitungsunternehmen Biedermann beim Bahnhof Bischofszell-Stadt entwickelt.

Ein wichtiges Zentrum der Nahrungsmittelindustrie entstand in den Jahren 1906 bis 1909 auf einem grossen Areal bei der Station „Bischofszell Nord“ und entlang der Landstrasse nach Sulgen im Gemeindeteil „Nord“. Am Anfang standen die Obstverwertungs-Genossenschaft und David Toblers Konservenfabrik. Die 1906 gegründete Obstverwertungs-Genossenschaft, kurz „OBI“ genannt, ist für die Landwirte der Umgebung noch heute von grosser Bedeutung. Hier liefern sie vor allem im Herbst die Erträge der Obsternte ab. Als Besonderheit kam 1945/46, also unmittelbar nach Kriegsende, östlich der Anlage eine kleine Wohnsiedlung hinzu, das „Obi-Dörfli“. Die gleichförmig gebauten Häuschen in rustikalem Stil erhielten im Volksmund bald einmal die Bezeichnung „Schwägalp“.

Zum heute grössten Bischofszeller Unternehmen wurde die 1909 gegründete Konservenfabrik Tobler. Am Anfang stand die Produktion von Dörrfrüchten und anderen Trockenprodukten, was die traditionelle Nahrung gewissermassen weiterführte. Später wurde die Konservierung von Nahrungsmitteln in Dosen immer wichtiger, v.a. Erbenskonserven und Kondensmilch. Ein wichtiger Einschnitt fand 1945 statt, als die Firma vom Migros Genossenschafts Bund übernommen wurde, was zu einer bedeutenden Erweiterung der Fabrikations- und Lagereinrichtungen führte. Da danach während Jahrzehnten die Konservenherstellung im Vordergrund stand, formte sich im Volksmund die Bezeichnung „Konservi“, die sich bei der älteren Generation bis heute erhalten hat. Heute üblicher ist allerdings die offizielle Bezeichnung „BINA“ als Kurzform für „Bischofszeller Nahrungsmittel AG“. 1957 kam als weiterer Einschnitt die Herstellung von Tiefkühlprodukten hinzu, was auch Auswirkungen auf die Transportmittel hatte.Seit 1966 werden Pommes Chips hergestellt, seit 1973 Fruchtsäfte und 1986 ging das erste Fertiggericht in Produktion. Im Jahr 2008 wurden weit über 200‘000 Tonnen Esswaren und Getränke hergestellt. Auf etlichen dieser Produkte prangt noch immer das Bischofszeller Gemeindewappen. 2009, im Jahr des einhundertjährigen Bestehens der Firma, waren nahezu 1000 Personen beschäftigt. Auch ist eine beträchtliche Anzahl von Landwirten ist mit Anbauverträgen an die Firma gebunden.

Obwohl die BINA heute einen Grossteil des gesamten Industriegebietes „Nord“ einnimmt, haben sich dort im Laufe der Zeit verschiedene weitere Firmen aus dem Bereich der Nahrungsmittelindustrie (z.B. Obstsäfte) und der „Verpackung“ (z.B. Tubenfabrik TUBI, die Aluminiumtuben und –kartuschen für Nahrungsmittel, Klebstoffe und Salben herstellt) niedergelassen.

Das Industrieareal „Nord“ ist heute die wichtige Lebensader der Bischofszeller Wirtschaft, von der auch das örtliche Bau- und Transportwesen in hohem Masse profitiert.

 


Komplette Legende zum Situationsplan Hauptwil

Hauptplan Hauptwil

  1. Schloss: 1664; Gerichtsherrensitz der Handelsfamilie Gonzenbach; ab 1953 Altersheim.

  2. Tortürmchen: vor 1672; Uhrwerk von 1672; heutiges Aussehen seit ca. 1740.

  3. Goldener Löwen: 1665 als Gasthaus erbaut.

  4. Zum Trauben: 1665 als Gasthaus erbaut.

  5. Kaufhaus: 1667 als Lagerhaus erbaut; 1783 zum Wohnhaus umfunktioniert.

  6. Haus zum Spittel: 1735 als Walke erbaut; ab 1787 J. J. Brunnschweiler vorübergehend als Indigofärberei genutzt; heute Wohnhaus.

  7. Sägerei: erste Sägerei 1597 in Hauptwil belegt; unklare Zuordnung; 1850 übernahme durch Fam. Güttinger, Wasserkraftbetrieb bis 1933; heute stillgelegt.

  8. Alte Mühle: Mühlenstandort vor 1501; eine Mühle (“... untz gen Hoptwile zu der müli ...”) wird bereits 1439 genannt (ev. identisch mit der ist 1435 erstmals erw. Niedermühle im Sorntal); Neubauten 1819-21 und 1893; bis 1903 in Betrieb.

  9. Waschhäuser: 17./ 18. Jh.; zusammen mit den Arbeiterhäusern erbaut; zum Teil bis 1925/30 in Gebrauch.

  10. Kurzbau: nach 1776 als Wohn- und Arbeitshaus erbaut.

  11. Gelbbau: ca. 1780 als Wohn- und Arbeitshaus erbaut; Umbau in den 1980-er Jahren.

  12. Langbau: um 1670 als Wohn- und Arbeitshaus erbaut; grosse Kreuzgiebel um 1870.

  13. Obere Farb: (Gemeindehaus) 1833 in Pisé (Lehmbau) errichtetes Abspul- und Lagerhaus.

  14. Zur Linde: wohl 18. Jh.; 1825 als Rotfärberei und Tröcknerstube neu gebaut.

  15. Haus am Weiher: wohl 18. Jh.; ungesicherter erster Brandversicherungseintrag von 1808; 1. Hälfte 19. Jh. Indigomühle, ab 1856 Büros der Rotfarb.

  16. Untere Rotfarb: Pisébau von 1856, ab 1869 mindestens viermal erweitert.

  17. Sonnenbühl: vor 1871; Arbeiterwohnhaus der Rotfarb.

  18. Alte Seidenweberei: vermutlich zwischen 1660 u. 1670 erbaut; Gewerbebau.

  1. Dorfkanal: Weiherüberlauf; im Zusammenhang mit dem Mühlenbau (Alte Mühle) im Dorf entstanden; spätestens 1501; diente zugleich als Weiherüberlauf.

  2. Sägi-Stauweiher: vermutlich zusammen mit der ersten Sägerei entstanden; spätestens 1597.

  3. Niederwiler-Kanal: vor 1670; Verbindungskanal zur Bewässerung der Bleichen. Nach 1800 Wasserlieferant für die Obere Farb.

  4. Gwandweiher-Kanal: Wasser-Ausgleichskanal, gebaut 1852, in Betrieb bis ca. 1960.

  5. Strassen im 17. Jahrhundert