1999: Wakkerpreis für die Manufaktursiedlung Hauptwil!

Die Gemeinde Hauptwil-Gottshaus erhielt den Wakkerpreis 1999, eine Ehre, die noch nicht sehr vielen Ortschaften zu Teil wurde. Den vorangegangenen Wakkerpreis erhielt beispielsweise die Berggemeinde Vrin im Kanton Graubünden, nochmals ein Jahr zuvor die Stadt Bern für ihre besonderen Leistungen bezüglich der Umnutzung und Erhaltung der zahlreichen städtischen Industriebauten.

Nach der Gemeinde Vrin zeigt auch die Gemeinde Hauptwil-Gottshaus, dass selbst kleine Gemeinden Voraussetzungen für die Pflege von national bedeutendem Kulturgut schaffen können.

Das schmucke, unmittelbar benachbarte Städtchen Bischofszell hat bereits 1987 den Wakkerpreis für das aussergewöhnlich gut erhaltene Stadtbild erhalten!

 

Wakkerpreis für Industriekultur (Pressemeldung 1999)

Der Schweizer Heimatschutz SHS hat den Wakkerpreis 1999 der Gemeinde Hauptwil TG zugesprochen. Diese hat eine gleichermassen raffinierte und flexible Bauordnung geschaffen, um die zahlreichen Industriegebäude aus den drei vergangenen Jahrhunderten zu erhalten und neuen Nutzungen zuzuführen. Drei Arbeiterhäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert zählen - zusammen mit dem Knappenhaus im Bergbauweiler S-Charl GR - zu den ältesten ihrer Art. Die Gemeinde konnte den Preis im Rahmen einer Feier im Juni 1999 in Empfang nehmen. Immer wieder wird über die mangelnde Aufmerksamkeit geklagt, die man westlich von Frauenfeld den Qualitäten des Thurgau schenkt. Umso mehr dürfen wir uns freuen und stolz sein, dass auf Initiative der Denkmalpflege mit Hauptwil-Gottshaus nach Bischofszell bereits die zweite Gemeinde im Thurgau den begehrten Wakkerpreis erhielt.

 

Vorgeschichte

Schon im 15. Jahrhundert legte das Bischofszeller Sankt Pelagistift oberhalb des heutigen Dorfes künstliche Fischweiher an. Weil das Wasser dadurch regulierbar wurde, siedelte sich am Abfluss kurze Zeit später eine Mühle an.

In den 1660er Jahren verlegten die Brüder Gonzenbach ihren Leinwandhandel von St. Gallen nach Hauptwil. Binnen weniger Jahre verwandelten die Kaufherren den ehemals bescheidenen Hauptwiler Weiler in einen Manufakturort mit rund 40 Industrie- und Wohnbauten, um Leinwandveredelung und -handel fortan selbst in die Hand zu nehmen. Im ausgehenden 18. Jahrhundert verdrängte die Veredelung von Baumwolle diejenige von Leinwand, so dass die Gonzenbachs die Färberfamilie Brunnschweiler nach Hauptwil holten, unter deren Name die Tradition der Rotfärberei bis 1984 fortdauern sollte. Als im 19. Jahrhundert die vorhandene Wasserkraft nicht mehr ausreichte, verlegte ein anderer Unternehmer, Johann Jakob Niederer, seine Anlagen nach Bischofszell, wo er sich den Flusslauf der Thur nutzbar machte. Aus seiner Jaquardweberei ging anfangs des 20. Jahrhunderts eine Karton- und Papierfabrik hervor, die bis in die 90er Jahre produzierte.

 

Heutiger Zustand

Die fünf unter Schutz stehenden Weiher prägen zusammen mit dem "Sornbach", der das Industriedorf längs durchläuft, die Landschaft bis heute. Mit Hilfe eines raffinierten Kanalsystems war es den St. Galler Kaufleuten Gonzenbach schon im 17. Jahrhundert gelungen, das günstige Wasserangebot für ihre Leinwandveredelung zu nutzen. Im Zuge der Industrialisierung erfuhr die Wasserkraftnutzung durch neue wasserbauliche Anlagen eine entscheidende Erweiterung. Reste davon sind auch heute noch sichtbar.

In grosser Zahl sind in Hauptwil Industrie- und Wohnbauten aus drei Jahrhunderten erhalten. Besonders die drei Arbeiterhäuser "Lang-", "Gelb-" und "Kurzbau" sind lebendige Zeugen von sozialem Wohnungsbau aus vorindustrieller Zeit. Sie dienten jenen Arbeitern als Wohn- und zum Teil auch Arbeitsraum, die in der Hauptwiler Textilveredelungsmanufaktur tätig waren.

 

Engagement für Industriekultur

Seit drei Jahren besteht der "Verein für Industriekultur Bischofszell-Hauptwil", auf dessen Homepages Sie sich im Moment befinden. Er setzt sich für die Erhaltung industriehistorischer Kulturgüter in der Region ein und versucht mit Führungen auf dem neu eingerichteten Industrielehrpfad die Bevölkerung für dieses Thema zu sensibilisieren.

Industriekulturell bestehen enge Beziehungen zwischen Hauptwil und dem benachbarten Bischofszell. In der Mitte des 19. Jahrhunderts genügte die Wasserkraft in Hauptwil nicht mehr, so dass ein Teil der industriellen Entwicklung in Bischofszell fortgesetzt wurde. Diese Gemeinde erhielt im Jahr 1987 den Wakker-Preis, damals für die Pflege ihrer barocken Altstadt, die nach einem Grossbrand im Jahr 1743 auf architektonisch beeindruckende Weise wieder aufgebaut worden war.

 

Ein Dorf entwickelt sich

Die Entwicklung Hauptwils vom Manufakturdorf zum Industriestandort bis ins 20. Jahrhundert kann als organisches Wachstum nach innen bezeichnet werden. Immer wieder wurden Gebäude den neuen Gegebenheiten angepasst, so etwa das bekannte Kaufhaus, das im 18. Jahrhundert vom Lagergebäude zum vornehmen Wohnhaus wurde, oder der als Walke erbaute Spittel, der später als Färberei und Wohnhaus diente. Die Gemeinde Hauptwil-Gottshaus hat sich nicht nur zum Ziel gesetzt, diese historische Dichte zu erhalten, sondern auch die landschaftlich reizvolle Gegend der Hauptwiler Weiher mit Sorgfalt zu pflegen. Mehr denn je ist es heute wichtig, sich nicht nur um wertvolle Einzeldenkmäler zu kümmern, sondern historisch-topographische Zusammenhänge zu verstehen und zu erhalten. Zu diesem Ziel arbeiten in Hauptwil-Gottshaus Private, Gemeinde und Fachstellen eng zusammen.

 

Wakkerpreis auch für Bischofszell!

Bischofszell mit seiner Altstadt von nationaler Bedeutung ist 1987 auf Empfehlung des Thurgauer Heimatschutzes mit dem Wakker-Preis ausgezeichnet worden. Die Gemeinde budgetiert jährlich einen Betrag von Fr. 70000.- für die finanzielle Unterstützung privater Restaurierungsvorhaben und investiert auch für die Renovation öffentlicher Gebäude jedes Jahr bis zur Fr. 100000.-. Ein besonderes "Baureglement für die Altstadtzonen" enthält für die eigentliche Altstadt, die Umgebung der Thurbrücke und das sogenannte "Schlössli" sehr strenge Vorschriften hinsichtlich der Erhaltung und Gestaltung der Bauten. Eine engere und weitere Umgebungsschutzzone sorgt für Rücksichtnahme auf das historische Stadtbild.