Fabrikantenvillen

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Handel, Reichtum und Ansehen verlangten nach einer adäquaten Wohnsituation. Anton von Gonzenbach, ein Schwager des letzten Gerichtsherren Hans Jakob IV. im oberen Schloss, gestaltete den 1667 in Lehmbauweise erstellten Lagerbau 1783 gekonnt und mit massvollen Eingriffen zu einem stattlichen Haus um. Seine Zeitgenossen pflegten es gar "Unteres Schloss" zu nennen. Über einem Grundriss von 14 auf 30 Metern boten vier Stockwerke mit insgesamt 40 Zimmern und Kammern den Familienmitgliedern und Bediensteten genügend Platz für häusliches Wohlbefinden. Sogar der Schriftsteller Friedrich Hölderlin weilte im Frühjahr 1801 als Hauslehrer bei der Familie Gonzenbach im "Kaufhaus".

Kaufhaus, Nord- und Westfassade

Kaufhaus, Nord- und Westfassade

 

Im Kaufhaus praktizierte die Familie Brunnschweiler, die das Gebäude 1851 käuflich erwarb, bewusst ein kulturelles Leben, das sich an höfische Rituale anlehnte; Kunst und Musik waren ebenso wichtige Standbeine des alltäglichen Familienlebens wie die umfangreichen wirtschaftlichen Aktivitäten. Damit einher ging eine ausgeprägte Vorliebe für die Malerei. Unzählige Porträts und andere Bilder, die sich immer noch im Besitz der Familie Brunnschweiler befinden, zeugen heute noch von dieser Neigung. Was schon die gonzenbachschen Gerichtsherren sehr intensiv pflegten, ist in die Brunnschweilersche Tradition nahtlos eingeflossen. Das "Kaufhaus" verkörperte für das 19. und 20. Jahrhundert das, was das Obere Schloss für die vorangegangenen zwei Jahrhunderte bedeutete: Herrschaftssitz und kulturelles Zentrum des Dorfes. Musikalische Kultur, politisches Engagement und Handelskontakte in die ganze Welt hinaus rechtfertigten dieses prunkvolle Refugium.

 Kaufhaus, Südfassade

Kaufhaus, Südfassade

 

Einer späteren Generation der Fabrikantenvillen gehört der ebenfalls in schlichter Noblesse gehaltene Stampflehmbau "Rose" an. Um die Mitte des 19. Jahrhundert ebenfalls von der Färberfamilie Brunnschweiler erbaut, nimmt er sich gegenüber dem "Kaufhaus" geradewegs bescheiden aus, steht aber bezüglich Innenausstattung jenem in keiner Weise nach. Der grosszügige Garten mit seinen alten Baumbeständen, verspielten Zierbrunnen und Statuetten lässt heute noch den Pionier- und Kulturgeist dieser ländlichen Industriellenfamilie erahnen.

Gerade die Liebe zum Detail, die Ausgewogenheit zwischen massvoller Pracht und strenger Schlichtheit zeugen vom grossen Geist einer Familie, die im 19. und 20. Jahrhundert der wichtigste Arbeitgeber der Dorfbevölkerung war.

 Haus Standort Rose

Haus "Rose"